VdB - Die Grünen:
Der Professor, der seit vielen Jahren bei mir einen Sympathiestatus besitzt, dem kein anderer Politiker dieses Landes nur ansatzweise gefährlich werden könnte, wirkt heuer überraschend grau und blass.
Damit soll nicht die "Langeweile" gemeint sein, die im seit jeher auf Grund seiner ausschweifenden, emotionsfreien Ausführungen nachgesagt wird, sondern viel mehr das Fehlen des intellektuellen Scharfsinnes für den er gewöhnlich bekannt ist.
Wiedereinmal gelang es nicht die Themenführerschaft an sich zu reißen, obwohl die klassischen Grün-Themen Energie und Bildung die einzigen langfristigen Lösungskompetenzen für die gegenwärtigen Probleme inne haben.
Doch stattdessen scheint die linksliberale Ökopartei in diesem Wahlkampf bisher ständig in die Defensive gedrängt zu werden - was für eine Oppositionspartei erstaunlich ist.
Statt inhaltliche Diskurse zu führen, die dieses Land bitter nötig hätte, wird ganz in Manier der Postenschachterparteien um Listenplätze und zukünftige Regierungsplätze diskutiert.
So gewinnt man keine Wahlen!
HC - FPÖ:
Für mich die bisher größte Überraschung dieses Wahlkampfes. Auch wenn es sonst noch niemanden so richtig aufgefallen sein will (oder traut man sich das nur nicht laut auszusprechen?) aber bis jetzt ein bisher außergewöhnlich "braver" Wahlkampf der Blauen - die gewohnten braunen Rülpser blieben bisher aus.
Zwar wird wie eh und je auf Xenophobie, Demagogie und Opportunismus gesetzt, doch das ist in diesem Land mittlerweile rot-schwarzer Mainstream und also keine große Rede mehr wert.
Die Frage nach dem Warum für Straches ungewöhnlicher Zurückhaltung ist schnell beantwortet: Nein, kein Gesinnungswandel. Einfach nur kluge Taktik. Denn selbst der typische (ausländerfeindliche) Österreicher trägt seinen Grant ungern ungeniert offen aus, sondern versteckt sich lieber hinter den allseitsbekannten "Ich hab ja nix gegen Ausländer, aber..."-Sätzen, die Strache natürlich im Blut hat.
Das dieses Blut trotz der gespielten Mäßigung vor Kameras und Mikrofonen noch immer braun gefärbt ist, lässt sich viel weniger in alten "Wir spielen Nazis im Wald"-Fotos aus Jugendjahren dingfest machen, als in der Tatsache dass der FPÖ-Frontmann nach wie vor engste Kontakte zu den führenden Köpfen ultranationalistischer und rechtsextremer Gruppierungen in Europa pflegt.
Pater Willi - ÖVP:
Die beiden großen Boulevardblätter des Landes schreiben mehr oder weniger offen gegen sie an. Der ehrwürdige (und doch nicht ganz glaubwürdige) Versuch nicht voll und ganz dem Wahlkampf-Populismus zu verfallen, lässt die Umfragewerte mehr und mehr purzeln. Der erste Teil des Wahlkampfes ging sichtlich in die Hose, die erste Plakatreihe (viel Text, wenig Wirkung) war werbestrategisch ein völliger Flopp. Der Spitzenkandidat schafft es nicht einmal die eigene Klientel zu begeistern:
Fast könnte die ÖVP einem schon leid tun. Aber auch nur fast. Denn bei all dem Mitleid darf man nicht vergessen, dass sie die Hauptschuld für den politischen Status Quo trägt.
Sie war es die auf Neuwahlen setzte, sie war es die zwei Jahre lang blockiert und verhindert und dadurch die Regierung größtenteils arbeitsunfähig gemacht hat und sie war und ist jene Partei Österreichs, die sich in den letzten acht Jahren sowohl inhaltlich (siehe Bildungs- und Gesellschaftspolitik) als auch personell (Stichwort Schüssel) am wenigsten weiterentwickelt hat.
Dementsprechend unglaubwürdig wirkt es auch wenn sich nun Molterer & Co jetzt großspurig darüber echauffieren, dass Rot offen mit Blau flirtet. Waren es doch Schüssel und Molterer die das Regieren mit den Hetzern der FPÖ überhaupt salonfähig gemacht haben.
Strahlefaymann - SPÖ:
Über den, über den derzeit medial am meisten berichtet wird, möchte ich am wenigsten sagen: Über den roten Sunnyboy, den neuen Lieblingsschwiegersohn der Nation, über Faymann.
In wenigen Worten: Ein "aalglatter"Spitzenkandidat, dem fast ganz Österreich zu Füßen zu liegen scheint - trotz oder gerade eben weil er ein Opportunist und Populist in Reinkultur ist.
Krone & Co tun ihres dazu, indem sie ihn zum neuen Messias hoch sterilisieren (hätte Jesus damals nur halb so gute Presse gehabt, hätte er das Kreuz höchstens für Sadomaso-Spiele mit Maria Magdalena gebraucht).
Die (farblose) "Marke Faymann" zieht.
Da war doch noch wer...
... Haider: Er war nie weg. Haben wir es doch eh schon immer gewußt. Aus "Wien darf nicht Chigago werden" wurde zehn Jahre später "Österreich muss Kärnten werden". Ich verneine.
... Schmidt: Das LIF verkauft sich als möglicher neuer, frischer Wind im Parlament und bringt inhaltlich und personell doch auch nur Altes. Trotzdem demokratiepolitisch eine Bereicherung.
... Dinkhauser: Unglaublich mit wie viel politischer Konzeptlosigkeit und inhaltlicher Leere man in diesem Land Chancen auf einen Einzug ins Parlament hat.
... Christen: Man stelle sich bitte schön den Aufschrei in diesem Land vor, würde eine islamische Partei mit ähnlich radikalen Forderungen um Stimmen rittern.
... KPÖ: Immer wieder aufs Neue ein trauriger Anblick. Haben sich das Attribut "realitätsfern" fast auf gleiche Art und Weise verdient wie die Christen. Mir einem Unterschied: Leider.
... Rettö: Rettet Österreich vor noch mehr Menschen dieses Schlages! Die dumpfe "Wir sind wird und die Anderen sind böse"-Mentalität ist hierzulande schon verbreitet genug.
FAZIT:
Es wird alles anders, es bleibt alles gleich. Die "Mitte"-Rechts-Mehrheit (das "Mitte" empfinde ich als äußerst zynisch, wenn es einer Partei zugerechnet wird, die eine solche Innenministerin stellt!) wird wohl auch die nächsten fünfzig Jahre in diesem Land bestehen, ohne das die Menschen jemals schlauer werden. (Was hat sich denn für die Leute, die in all ihren Problemen "die Ausländer" als Schuldige sehen in sieben Jahren Schwarz-Blau-Orange gebessert?)
Die Grünen werden den dritten Platz (2006 waren es gerade einmal 532 Wahlkarten, die den Unterschied zur FPÖ ausgemacht haben) nicht halten können, VdB wird sich verabschieden und die Bobo-affine Partei wird in Zukunft wieder in die prozentuelle Einstelligkeit, ergo Bedeutungslosigkeit verschwinden.
Die FPÖ wird nicht ganz so stark abschneiden wie prognostiziert (manche Umfragen sprachen von 20%) und trotzdem der "Sieger des Abends" sein. Und auch am Tag danach wird Strache viel Grund zur Freude haben. Denn entweder Faymann begeht mit dem Segen von "Onkel Hans" das allerorts viel verschworene Tabu und macht HC zum Vizekanzler oder die Blauen bleiben in Opposition und dürfen sich somit bei der nächsten Wahl auf ein Ergebnis über der goldenen 20%-Marke freuen.
Die ÖVP wird trotz oder gar wegen der zu erwartenden Niederlage der größte Nutznießer des Abends sein, denn: Molterer und Schüssel werden sich endlich verabschieden, Nachwuchshoffnung Pröll wird die Führung übernehmen. Ob es dem Neffen des "großen Erwins" dann gelingen wird, den Schwarzen die längst überfällige Rundumerneuerung in vollen Zügen zu verpassen, bleibt abzuwarten.
Und die SPÖ? Die wird sich über den zu erwartenden Kanzlersessel tierisch freuen und erst viel, viel später erkennen, dass sie in diesem Wahlkampf mehr verloren als gewonnen hat. Langfristig wird auch das Wohlwollen des Boulevard die Genossen im Lande nicht vor der Tatsache hinweg trösten können, dass die Sozialdemokratie in ganz Europa (mit Ausnahme Spaniens) in einer tiefen Krise steckt und das es neue Konzepte braucht um die arbeitenden Bürger vor den negativen Auswüchsen einer immer schneller werdenden, von reiner gewinnorientierten Leistungsgesellschaft geprägten, globalisierten Welt zu schützen.
Und die Anderen?
Die Kärnten-ist-das-gelobte-Land-Partei Haiders wird es leider klar ins Parlament schaffen und somit den Grundstein für die absolute Mehrheit bei der kommenden Landtagswahl legen(Armes Kärnten, selber Schuld).
LIF und Dinkhauser könnten(!) es beide schaffen. Bei den Einen erfreulich, bei den Anderen bedeutungslos.
Den restlichen Drei gebe ich keine Chance. Wenn sie aber den Populisten von FPÖ und BZÖ entscheidende Stimmen wegnehmen, bin ich auch nicht unglücklich.
Auch wenn durch den Einzug zwei neuer Parteien möglicherweise ein wenig neuer Wind ins Parlament kommt, bleibt am Ende doch alles beim Alten. Und trotzdem sollte man wählen. Und sei auch nur ungültig. Die Leute, die sich nämlich Jahr für Jahr nur beschweren um es dann im Endeffekt am Wahltag mit ihrer Stimmenthaltung noch viel mehr zum Status Quo beitragen, sind noch unglaubwürdiger als ein Großteil der politischen Kaste.
Überhaupt sollte die "Verantwortung" grundsätzlich viel mehr dem Volk, der Gesellschaft in die Schuhe geschoben werden, anstatt den paar "Mächtigen", die im Endeffekt ohnehin nur Klientelpolitik machen und "dem Volk" (nennen wir es lieber "der Masse/Mehrheit") das geben, wonach es kurzzeitig schreit um es ein wenig später wieder zu verteufeln.
Den Menschen würde grundsätzlich wieder weniger Opportunismus und mehr "Ideologie" gut tun. Geht es den Meisten doch viel mehr darum welche Partei am meisten für das eigene Wohl tut, anstatt - und das empfinde ich um ein Vielfaches wichtiger - welche Partei die richtigen Vorstellungen und Konzepte für die Zukunft dieses Landes hat.
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